Der unerträgliche Standpunkt

Heinz Kobald

  
 
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Und niemand spricht vom Völkerrecht ?

Und niemand spricht vom Völkerrecht ?


Nur in zwei Zeitungen habe ich Hinweise auf das Völkerrecht gefunden, das für die Lösung des “Konflikts“ in Palästina beachtet werden sollte.
Heißt es nicht so: Von was dein Herz voll ist, davon laufen deine Lippen über. Wo ist es in den Herzen, wenn so wenige davon reden?
Sie verhandeln über eine Vereinbarung nach der anderen, seit über einem halben Jahrhundert, und halten sich an keine. Alle diese Vereinbarungen sind so unnütz, weil sie die unveräußerlichen Menschenrechte vergessen haben.
Da überrascht es nicht, wenn die Vereinbarungen nur tote Buchstaben auf dem Papier bleiben.

Da lese ich so vorsichtige Formulierungen, aber keinen Hinweis auf das Völkerrecht. Als gäbe es das gar nicht.
Da heißt es nur:
»Die israelische Besatzung des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes ist Unrecht, das politisch korrigiert werden muss.« oder
»Israel will sich offensichtlich nicht an die Vorgabe der Vereinten Nationen halten, alle im Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzten Gebieten zurückzugeben. «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005 , Seite 4, Der Preis des Abzugs - Israel räumt seine Siedlungen in Gaza, doch ein wirklicher Staat wird den Palästinensern verwehrt, von Tomas Avenarius


Worin das Unrecht besteht, wird nicht beschrieben! Was verlangt eine “Vorgabe“ der UN?
Allein schon das Wort Vorgabe ! Wie feinsinnig ausgewählt das ist !
Das Völkerrecht stellt seine eindeutigen Forderungen - ohne Vorbedingungen - an Israel ! Und diese Forderungen sind sehr klar und verstehbar ! Die müssen nicht ständig neu formuliert werden ! Sie aber treffen nur Vereinbarungen, um von der Erfüllung der Forderungen des Völkerrechts abzulenken. Bis eben niemand mehr vom Völkerrecht spricht.

Diese “anderen“ Worte sind ein “windungsreicher“ Journalismus, der den richtigen Worten ausweicht.
Was ist mit den Journalisten in Deutschland geschehen?

Doch einige Seiten weiter hilft mir dieselbe SZ beim Weiterdenken. Stimmt diese Aussage noch?
Und Journalisten seien neutral, verantwortungsbewußt ...

» ( ... ) erzählt, warum er Journalist geworden ist.
Er sei ein 68er, sagt er und empfand “so eine Art Kampfauftrag dieser Generation“. Man wollte “enthüllen und aufklären“.
Heute sei der Kampfauftrag erfüllt, das Land offener und transparenter geworden, als er gedacht habe. Er wollte nicht mehr schreiben, er wollte gestalten. Also zitiert er den Ex-Journalisten Kissinger mit den Worten: “Journalism is for boys." ( ... ) «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005 , Seite 8, Wie einige tausend Lobbyisten in Berlin versuchen, die Politik mitzugestalten, von Andreas Hoffmann


Gerade Kissinger! Aber ich warte nicht auf eine Erklärung, “der Kampfauftrag sei erfüllt“.
Wir haben die Aufklärung längst hinter uns und stehen täglich nur noch vor Enthüllungen.
Aber offener und transparenter sind wir, ist unsere Gesellschaft keineswegs geworden.
Sie ist verschwiegener und verliebt in die Undeutlichkeit.

Es sieht so aus, als hätte es Sharon allein in der Hand, die Dinge nach seinem Willen zu gestalten.
Niemand spricht vom Völkerrecht. Nur eine einzige Zeitung in Deutschland habe ich gefunden, die vom Völkerrecht und seinen Forderungen an Israel und seine Besatzungspolitik spricht! Insgesamt nur z w e i Zeitungen sprechen die Worte deutlich aus ?


Sperrwall
» Die israelische Armee hat inzwischen mit der Enteignung von 120 Hektar palästinensischen Landes für den Bau der umstrittenen Sperranlage um Maale Adumim (28.000 Siedler) begonnen.

Der Bau ist Teil des Plans von Ministerpräsident Ariel Sharon, die großen Siedlungsblöcke im Westjordanland im Widerspruch zum internationalen Friedens-Fahrplan ("Roadmap") zu annektieren.
Die "roadmap" setzt den Stopp des israelischen Siedlungsbaus voraus.


Die Vierte Genfer Konvention verbietet Besatzungsmächten generell
die Ansiedlung der eigenen Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten.

Die israelische Tageszeitung "Haaretz" berichtete am Mittwoch, die Sperranlage um Maale Adumim werde etwa 25 Kilometer tief in das besetzte Westjordanland einschneiden.
Völkerrechtswidrig


Der Sperrwallverlauf war vom Internationalen Gerichtshof ( 2004 )
in einem von Israel abgelehnten Gutachten für völkerrechtswidrig erklärt worden.

150 Staaten - darunter alle EU-Mitglieder - stimmten in der UNO-Vollversammlung für eine Resolution, die Israel das Recht abspricht, seine Anlage zur Abwehr des Terrorismus auf besetztem Gebiet zu errichten. «
Quelle: Kurier, Artikel vom 24.08.2005 |apa, reuters, afp |jos
http://kurier.at/ausland/1089109.php



» Laut der 4. Genfer Konvention von 1949 hat Israel als Besatzungsmacht im Gaza seit 1967 immer wieder gegen zahlreiche völkerrechtliche Verpflichtungen verstoßen - unter anderem durch die Ansiedlung eigener Zivilisten in den besetzten Gebieten, durch Häuserzerstörungen, Folter, Administrativhaft, Deportationen, Exekutionen sowie durch die Verhängung von Kollektivstrafen, etwa die Abriegelungen ganzer Gebiete.
Zudem hat die israelische Armee bei ihren militärischen Operationen im Gaza-Streifen häufig die Anforderungen der 4. Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung verletzt, unter anderem zur Gewährleistung medizinischer Versorgung. «
Quelle: taz Nr. 7743 vom 16.8.2005, Seite 3, ( ... ) Der Abzug aller Israelis aus dem Gaza-Streifen ändert völkerrechtlich lediglich den Charakter der Besatzung. ( ... ) ANDREAS ZUMACH
http://www.taz.de/pt/2005/08/16/a0135.nf/text


Alle über Palästina erfundenen Aushandlungen sollten auf den Grundsätzen der IV. Genfer Konvention beruhen. Aber dann wären ja diese taktischen Gewaltspiele nicht mehr erforderlich! Und wenn erst diese Grundsätze ehrlich und mit Nachdruck verwirklicht werden, dann kann erst ersehen werden, wie unnötig Oslo oder die roadmap waren.


Genfer Abkommen vom 12. August 1949
über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten
Abgeschlossen in Genf am 12. August 1949 - Inkrafttreten: 21. Oktober 1950


Teil 1 Allgemeine Bestimmungen
Art. 1

Die Hohen Vertragsparteien verpflichten sich, das vorliegende Abkommen unter allen Umständen einzuhalten und seine Einhaltung durchzusetzen.

Art. 49
( ... )
Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.


Die einzelnen Artikel des Genfer Abkommens sind im Internet zu finden unter:
http://www.admin.ch/ch/d/sr/c0_518_51.html

Alle sind dazu verpflichtet - unter allen Umständen - aber sie haben Vier ausgewählt, auf die sie ihre Verantwortung glauben, abwälzen zu können. Das sind die Vereinbarungen, die das Völkerrecht nicht nur aushöhlen, unterspülen, sondern es in Wirklichkeit außer Kraft setzen.
Darum spricht niemand mehr darüber. Auch der Grundsatz ist längst weggespült worden: Wehret den Anfängen.

Oder sind das alles nur die so genannten “Menschlichen Schwächen“. Die sind aber nicht zu verwechseln mit den Schwächen der Palästinenser. Die Schwächen, die hier ersichtlich werden, das sind die Schwächen der sogenannten Freien, der Handlungsfähigen!
Sharon gelingt es so leicht, diese Schwächen auf beiden Seiten für seine Ziele, für die Ziele des Zionismus auszunützen.
Taucht hier wieder der Verdacht nach Antisemitismus auf? Na klar, so gelänge es auch zu leicht, jedes Argument, jede Kritik in ihrem innersten Wert,ihrer innewohnenden Wahrheit, jede moralische Grundlage zu entziehen.
Nein, die hier getroffenen Feststellungen über die Menschlichen Schwächen und deren Ausnützung basieren auf den einfachsten Kenntnissen der Psychologie. Das hat nicht einmal was mit Politik zu tun, auch nicht mit der ganz Großen Politik. Wohl aber werden diese zugrundeliegenden Wahrheiten aus der Psychologie in der Politik gegen die Menschlichkeit an ihren Auswirkungen am erschreckendsten erkennbar.

Die Bundesrepublik Deutschland ist sich offensichtlich auch wegen ihren Schwächen nicht ihrer Verantwortung bewusst, wenn sie Israel das in Deutschland gebaute, modernste nicht atomare U-Boot, U-212 für die Marine Israels zur Verfügung stellt.

Ist es schon Antisemitismus, Sharon die Forderungen des Völkerrechts, der Vierten Genfer Konvention von 1949, entgegen zu halten? Die Israel als Signatarstaat ebenso unterzeichnet hat! Aber die es zu Beginn der Besetzung 1967 zu befolgen ablehnte.
Was für ein Spiel wird hier getrieben? Mit dem Recht eines schwächeren Volkes auf Lebensraum ! Nur weil es dem Stärkeren gelungen ist, sich die Rückendeckung des Stärksten zu sichern, der es mit seinen Briefen angeht, ein Neues Völkerrecht für Israel zu schaffen.


» In einem Brief vom April 2004 hatte US-Präsident George W. Bush Israel versichert, es könne die Siedlungsblöcke im Westjordanland bei einem künftigen Friedensabkommen mit den Palästinensern behalten. «

Und Schmitz setzt noch eine “vermutete Tatsache“ hinzu:

» Der Schutzwall gibt die Grenzen vom künftigen Staatsgebiet Israels und Palästinas vor, auf dessen Gestalt sich Bush und Scharon verständigt haben. «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 193, 23. August 2005, Seite 4, Vorteil Israel, von Thorsten Schmitz


Hat sich Herr Thorsten Schmitz mit seiner Vermutung über eine zwischen Bush und Sharon bereits festgelegte Grenzziehung durch den Mauerbau selbst auch gegen die Einhaltung des geltenden Völkerrechts entschieden ?


Wenn ich höre, die Juden glauben nur an das “Historische Recht“ ! Auf die Frage nach ihrem wirklichen Glauben als Juden antworten sie, daß sie den nicht so vollkommen leben. Aber das von ihnen so genannte “Historische Recht“, das leben sie. Das leben sie nicht nur, dafür nehmen sie jede Waffe in die Hand. Das auf den unveräußerlichen Menschenrechten - für alle Menschen - gegründete Völkerrecht - das gerade wegen den Scheußlichkeiten des Zweiten Weltkrieges und seiner Ursachen entstanden ist - das hat für sie keine Bedeutung.
Das ist nicht Antisemitismus ! Oder Antizionismus ! Das sind die Erkenntnisse aus Antworten von Jüdischen Siedlern.

Historisches Recht

» ( ... )

- Wer ist Dieb, wer Bestohlener?

- Die Juden haben das Land genommen, sicher. Na und? Durch die Intifada ...
Begriff die Linke, dass Frieden unmöglich ist.
Im Moment ist alles nur Bla-Bla. Ich war mal sehr links, bereit, alles zu geben.

- Das historische Recht basiert auf Glauben.
Araber glauben an Mohammed. Juden an historisches Recht.
Es geht nicht um Fakten, es ist eine Glaubenssache.

- Sind Sie gläubig?

- Gar nicht.

- Glauben Sie an historisches Recht?

- Ja, aber das hat nichts mit Glauben zu tun.

- Israel ist stark, kann sich viel erlauben. Warum der Krieg gegen Irak?
Hat Israel keine Vernichtungswaffen?
Warum kommen keine Inspektoren?

- Weil die USA entscheiden und Juden dort Einfluss haben.
Würde Bush das fordern, wäre seine Wiederwahl gefährdet.
Wer über Ideologie und Macht spricht, hat keine Ahnung.

- Warum sollte Israel Frieden wollen?

- Warum sollte Israel Frieden wollen?
Keine Sorge, es wird keinen geben.

- Genug über Frieden geplaudert, an die Arbeit!

( ... ) «

Quelle: Zitate aus den Untertiteln in dem Dokumentar-Film von Michel Khleifi, Palästina, und Eyal Sivan, Israel.
Route 181 – Fragmente einer Reise in Palestina – Israel : Der Norden
Sourat Films – WDR – ARTE - Sommer 2002, Route 181, La Route de partage, D/F/B/GB 2003, Teil 2 - Le Nord


Man kann es an den verwendeten Worten und besonders an den fehlenden Worten ablesen.

» Foer: ( ... ) Aber da gibt es so viele Gefahren. Niemand muss sich mehr für seine Aussagen verantworten. Du kannst alles sagen, was du willst, und dabei so zerstörerisch sein, wie du willst. Bisher musste man sich in einem Bezugssystem legitimieren, wenn man etwas öffentlich machen wollte. Da gab es Lektoren, Redakteure, Verlage, die sich hinter dein Buch stellen mussten. Das waren alles Mechanismen, die uns vor durchgeknallten Botschaften geschützt haben. Heute herrscht in den Medien insgesamt die Lust am Vernichten.
Derzeit steht es höher im Kurs, etwas fertig zu machen, als etwas zu schaffen. In der Literatur ist das doch auch so
. Haben Sie schon bemerkt, dass Kritiken immer bösartiger geworden sind? ( ... ) «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005, Seite 14
Jedes Buch ist nur der bestmögliche Kompromiss ( ... ), Interview: Andrian Kreye


» Den Leser frustrieren indes große Lücken. Bei den Stichworten Iran, Irak, Israel, Südkorea und Mongolei verweist die “Enzyklopädie der Mediengesellschaft" gleichförmig auf den Eintrag “Asien".
Dort finden sich allerdings nur zwei Seiten Text, einer der kürzesten Beiträge des ansonsten ausführlichen Buchs.
Ein Artikel über Weblogs fehlt völlig; dabei besitzen Internet-Tagebücher in Ländern mit Zensur durchaus politische Sprengkraft.
Hier schlägt wohl die akademische Herkunft der Autoren durch. Gerade wer den öffentlichen Diskussionen über “die Medien" mehr Tiefe wünscht, ( ... )
Siegfried Weischenberg, Hans J. Kleinsteuber, Bernhard Pörksen: Handbuch Journalismus und Medien, UVK-Verlag, Konstanz, 2005, 500 Seiten, 34,90 Euro.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005 , Seite 15, STEFFEN KRAFT


Am Schluß findet Herr Tomas Avenarius doch noch sehr zutreffende Worte.
» Damit sie von Israels Hardlinern nicht an die Wand gedrückt werden, brauchen sie aber mehr internationale Unterstützung. Nur so können sie die nötigen Zugeständnisse im Westjordanland erreichen. «

Doch Avenarius irrt auch noch darin, wenn er annimmt, hier das Wort “Zugeständnisse“ einsetzen zu können.
Auch das, auf das er zielt, sind eindeutige Forderungen der IV. Genfer Konvention von 1949 !
Man muß sich beim Lesen mit dem ganzen Bewußtsein zuerst einmal auf die Jahreszahlen konzentrieren, um den langen Zeitraum des Vergessens zu durchschreiten.

Bei den Abkommen von Oslo sind Israel Rechte in dem von ihm besetzten Gebiet zugesprochen worden, die ihm nach dem Völkerrecht nicht zustehen. Die Unterhändler Palästinas hatten sich aus unvollständiger Kenntnis über die Fülle des Völkerrechts übervorteilen lassen. Das sagen öffentlich auch Stimmen aus Israel. Aber wer tritt schon international für die Rechte des Palästinensischen Volkes ein? Nicht einmal das dafür verantwortliche Vierer-Quartett. Die haben andere Sorgen. Die spielen mit ganz anderen Karten in ihren Händen. Da ist in der Hand kein Platz mehr für die Karte Palästina.
Rußland will Tschetschenien beherrschen. Amerika versucht mit Waffengewalt die Demokratie im Irak zu errichten. Europa hat mit China wirtschaftliche Sorgen. Und die UN leidet an der Korruption.

Doch nicht nur die Politik ist gefordert, auch die Unterstützung durch einen aufrichtigen und eindeutigen Journalismus.
Die Öffentliche Meinung ist es, vor der Israel allein Angst hat. Es will vor der Welt mit seinen Handlungen gerechtfertigt erscheinen. Es will eine Demokratie sein.
Aber mit der Verachtung des Völkerrechts ist dieses Ansehen nicht zu erreichen. Oder doch?
Das spricht nicht allein nur gegen Sharon, seine Regierung und seine Politik.
Das spricht ganz besonders gegen die Mächte, die sie unterstützen und noch mehr gegen die, die sie nicht hindern.
Dieser ausweichende Journalismus bietet sich dagegen als Steigbügelhalter für den Herrenreiter Sharon an.

Man könnte folgende Erkenntnisse aus den Niederungen im Sozialen Verhalten von Wählern und den Wählbaren bei bevorstehenden Wahlen auf die Empfindsamkeit für das Völkerrecht in der Situation im Nahen-Osten übertragen.
Die sogenannte Sozialisierung der Juden in Israel und die der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Ihre Auswirkungen tragen den Unterschied in das Bewußtsein Europas für seine Verantwortung bei dem Einstehen für das Völkerrecht im Konflikt zwischen Juden und Palästinensern.


» Über den Ausschluss als gesellschaftliches Prinzip und das Auseinanderfallen des sozialen Konsenses
( ... ) Er ist noch jung, dieser Wahlkampf. Aber schon hat er erkennen lassen, was in ihm steckt, sollte es ihm erlaubt sein, groß zu werden. Er findet im Jahr 15 nach der Wiedervereinigung statt, aber er organisiert nicht den Streit der Deutschen um die Vollendung ihrer Einheit.
Stattdessen ist es ihm in kürzester Zeit gelungen, die Vermeidung ihrer Spaltung auf die Tagesordnung zu setzen. Der leicht angewiderte Unwille, mit dem der bayerische Ministerpräsident über die politische Intelligenz der Menschen im Osten räsonierte, war dafür der ideale Katalysator.
Denn nicht nur in der Rhetorik Stoibers ist der “Osten" längst zur Metapher für den Befund “soziales Krisengebiet" geworden.
So mochte die Taste, auf der Stoiber den antagonistischen Ton anschlug, bajuwarisch klingen. In ihrem Resonanzraum aber vereint sich das national gespaltene mit dem sozial gespaltenen Deutschland. «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005 , Seite 11, Über den Ausschluss als gesellschaftliches Prinzip und das Auseinanderfallen des sozialen Konsenses, von LOTHAR MÜLLER


Dieses Bewertungs- und Verhaltens-Muster auf die Konfliktbewältigung in Palästina übertragen.

Diese Grundsätzlichkeiten im Miteinander, in der Ordnung von Menschlichen Gesellschaftsgruppen tauchen immer wieder in Konfliktsituationen auf, wenn Ansprüche und Bedürfnisse von erkennbar unterschiedlichen Gruppierungen gegeneinander stehen.
Die einen bewerten sich über und die anderen werden abgewertet. So wurden die hochkultivierten Indianerstämme Nord-Amerikas zu Wilden erklärt und das völlig am Boden liegende und seit hundert Jahren gedemütigte und erniedrigte Volk der Palästinenser wird zu Tieren, gegen die Mauern nicht nur gebaut werden dürfen, sondern müssen. Auch die Portugiesen löschten mit ihrer Kanonade die hochstehenden Negerkulturen im Südosten Afrikas aus. Die kläglichen Überreste der Festung Simbabwe bezeugen es.
Auch hier wage ich wiederholt den Hinweis: Es liegt kein Antisemitismus zugrunde, sondern nur die psychologischen Spielregeln im Menschlichen Verhalten. Weil der Vorwurf des Antisemitismus so leichtfertig im Gebrauch ist, verlangt es mich auch immer wieder an solchen Stellen nach dem Gegenhinweis.
Der Weg der Psychologie zur Lösung dieses vorsätzlichen Über- und Unteranordnen besteht aus wenigen Worten: Ich bin o. k ! - Du bist o. k. !


» Tritte, Tränen und die Theorie vom Wunder. Sie attackieren ihre Soldaten oder versuchen, sie zu rühren
Wie sich die israelischen Siedler an ihr Land klammern und dabei Grenzen überschreiten. «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr.189, 18. August 2005 , Seite 3, Die Räumung des Gaza-Streifens: “Juden deportieren keine Juden“ , von Thorsten Schmitz

Andere Grenzen werden mit dieser Weigerung, den Gaza zu verlassen, nicht überschritten? Nur die Grenzen des Anstandes, des Benehmens? Den Anweisungen der eigenen Regierung nicht zu folgen? Sonst wäre da gar nichts?
Welch ein Journalismus ist das, der diesen Eindruck mit diesen Reportagen vermittelt, es könnte doch etwas nicht in Ordnung sein, an der Deportation der jüdischen Siedler aus Gaza? Besonders diese Betonung der menschlichen Situation der Siedler.
Kein Wort, daß ihre Regierung sie entgegen dem Völkerrecht in den durch Krieg eroberten Gebieten angesiedelt hat?
Daß ihre “demokratische“ Regierung sich weigert, die Verpflichtung des Schutzes und der Sorge für die zivile, nichtjüdische Bevölkerung im besetzten Gebiet nach der Genfer Konvention zu erfüllen.

Wo sind die Berichte, die Berichte von Augenzeugen an den Grenzübergängen, die Kontrollen der Palästinenser durch überhebliche junge Soldaten, die Palästinenser täglich demütigen? Die Bilder von der Mauer? Die Bilder von den Feldern der Palästinenser, die durch die Mauer von ihren Besitzern getrennt werden?
Die Nennung der völkerrechtlichen Beurteilung des Internationalen Gerichtshofes über den israelischen Mauerbau ?
Und - ja, und die Demonstrationen von Israelischen Friedensbewegungen!

Und vor allem - wo bleibt der moralische Druck der Journalisten, der unerschütterliche Druck auf die Politik, die immer wieder aufgenommene Darstellung des Unrechts ?
Sie bleiben in den Raketenangriffen der Hamas stecken, die so dilettantisch ausgeführt werden und selten das Ziel treffen und noch weniger Menschen töten. Da sind die Raketenangriffe aus israelischen Hubschraubern weitaus wirkungsvoller.

Wo bleiben die Zahlen der Toten der Zweiten Intifada?
Wo bleibt der Hinweis auf das Recht des Besetzten, sich gegen die Besatzer wehren zu dürfen?
Der Besetzte hat zuerst das Recht, sich zu wehren!
Haben gerade wir Deutsche vergessen, daß eine deutsche Armee unser Nachbarland Frankreich besetzt hielt und sich die besetzten Franzosen mit ihrer Résistance blutig gegen uns wehrten? Die Résistance ist moralisch gerechtfertigt!

Doch ein besetztes Palästina ist nicht mit einem besetzten Frankreich gleich zu setzen?
Die Deutschen Soldaten standen kaum 6 Jahre in Frankreich - und hielten auch nicht das ganze Land besetzt. Und trotz arischer Überheblichkeit hielten sie die Franzosen nicht für Tiere!
Nicht der Besatzer hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Man muß deswegen den menschenverachtenden Terrorismus gegen unschuldige Menschen nicht gut heißen. Ein ehrenhafter Journalismus darf jedoch allein bei seiner Darstellung nicht enden.
Gehört das Hinterfragen nicht mehr dazu? Die Aufdeckung von wesentlichen Grundlagen eines kriegerischen Konfliktes?

Wenn das hier nur ein dummer eigenverliebter Weblog ist, dann habe ich etwas Wichtiges noch nicht verstanden.

» ( ... ) “Enzyklopädie der Mediengesellschaft" ( ... ) Ein Artikel über Weblogs fehlt völlig; dabei besitzen Internet-Tagebücher in Ländern mit Zensur durchaus politische Sprengkraft. ( ... ) «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005 , Seite 15, STEFFEN KRAFT


» Die palästinensische Preisfrage lautet: Ziehen die Israelis ab, weil verhandelt wurde? Oder gehen sie, weil der Widerstand sie dazu zwingt? Die Debatte aber ist unsinnig.
Der Gaza-Abzug wurde von Israel einseitig verkündet: Er kann kein Verhandlungserfolg sein.
Der Widerstand wiederum, der längst die Form nackten Terrors angenommen hat, wird die israelische Armee und die sie tragende Gesellschaft niemals in die Knie zwingen. Die Israelis haben ihre Geschlossenheit gegenüber äußeren Feinden bewiesen. «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr.189, 18. August 2005 , Seite 4
Der Preis des Abzugs - Israel räumt seine Siedlungen in Gaza, doch ein wirklicher Staat wird den Palästinensern verwehrt, von Tomas Avenarius


» Während des ganzen Rückzugtheaters geht vergessen, dass sich die Situation in der besetzten Westbank nicht im Geringsten verbessert.
Die Besetzung geht weiter, und im israelischen Parlament werden drakonische Gesetze gegen die PalästinenserInnen erlassen, ohne dass dies irgendwo Proteste auslöst
(beispielsweise ist es PalästinenserInnen nicht mehr erlaubt, Schadenersatz für die von den Besatzungstruppen angerichteten Zerstörungen zu fordern).
Die Mauer wird weiter gebaut - eine eigentliche Mauer des Hasses.
Selbst für die palästinensische Bevölkerung Jerusalems verschlimmert sich die Lage. Und Abbas ist weit davon entfernt, eine Autorität in einer wirklichen Autonomie zu sein.
Ariel Scharon ist durch den Rückzug aus Gasa noch längst nicht zu einem Mann des Friedens geworden. «
Quelle: WOZ vom 11.08.2005, Der Abzug als Drama und Farce, von Zvi Schuldiner, Jerusalem
http://www.woz.ch/artikel/2005/nr32/international/12095.html


Ja, Israel zeigt seine Geschlossenheit in der Verachtung des Völkerrechts. Soll ich das auch dem Deutschen Journalismus unterstellen?
Die sogenannte palästinensische Preisfrage sollte - das ist meine Ansicht - für einen “wissenden“ Journalisten auch das geltende Völkerrecht im Blickwinkel haben.
Jede andere journalistische Darstellung, die das Völkerrecht ausklammert, ist - für mein Denken - tatsächlich “unsinnnig“.

Und dann finde ich in der SZ desselben Tages ein gelobtes Handbuch für diesen nicht reflektierenden Journalismus. Dann kann ich nur noch hoffen, daß dieses Buch unter den Herausgeforderten die entsprechende Aufmerksamkeit erregt und eine verinnerlichte Aufnahme findet.

» Foer: ( ... ) Wenn ich ein Buch schreibe, dann bringt mich das Buch zu den Punkten, die ich sagen will.
Der Dichter W.H. Auden hat gesagt, er schaut sich an, was er schreibt, damit er sieht, was er denkt. ( ... ) «
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, 18. August 2005, Seite 14
Jedes Buch ist nur der bestmögliche Kompromiss ( ... ), Interview: Andrian Kreye


Das wäre auch noch eine Möglichkeit, sich beim Lesen des Geschriebenen über das Gedachte noch einmal Klarheit zu verschaffen. Waren da tatsächlich keine Gedanken mehr an das geltende Völkerrecht ?
Unbestritten werden sich auch in meinem Denken noch unerfaßte Lücken herum treiben.


hei-ko


23. Av 5765
28. August 2005 © Heinz Kobald